digital : medial : regional

Digital Capture auf Alsen

Blick auf den historichen Hafen

An der landesweiten Struktur- und Profildiskussion soziokultureller Zentren beteiligen wir uns mit unseren Ideen zur Vermittlung digitaler kultureller Bildung. Vor diesem Hintergrund beschäftigen wir uns u.a. mit der digitalen Erschließung von Kulturräumen in Itzehoe: Gegenstand ist diesmal die Arbeitswelt, aber auch die Streetart auf Alsen. Am Beispiel der digitalen Modellierung der historischen Arbeitswelt in dem stillgelegten Zementwerk der Stadt wird die Überführung analoger Erlebniswelten in digital/hybride Anwendungsbereiche erprobt. Methodisch geht es um die Erkundung kreativer Gestaltungsfeatures wie Virtual Spaces, Video-Animationen und Musik bis hin zur Frage: „Was ist ein Equirectangular - Bild?“. Ziel ist die Stärkung des digitalen Profils im KulturBahnhof, weshalb dieses Projekt gefördert wird aus dem Neustart-Programm der BKM und dem Fonds Soziokultur. Hierfür bedanken wir uns. Wir erfassen in einem virtuellen Erlebnisraum der Industriebrache Alsen Ansätze der Arbeitswelt im geschichtlichen Wandel und ihre Auswirkung auf den Stadtraum. Auch streifen wir - angeregt durch immer wiederkehrende Nutzungen der Räume als Partyzone - u.a. die Anfänge Itzehoer Jugendbewegung mit HipHop und ersten Spray-Versuchen in der kleinen Rotunde auf Alsen. In einer spannenden virtuellen Tour durchreisen wir die digital gestalteten Räume Alsens: Rotunde, E-Werkstatt, Lager bzw. Depot, Magazin und Galerie. Hier kann der Zeitreisende künstlerisch wie informativ Videos zu Industriegeschichte und Stadtentwicklung aktivieren, selbst Graffiti auf die Wände „sprayen“, die einzigartige Akustik mit Klangperformances im riesigen Schlämmbottich erleben, den Ausführungen der Zeitzeugen folgen oder sich freuen über „Suckers On Dope“, den anarchisch anmutenden Beginn einer Jugendbewegung in Itzehoe vor 35 Jahren. Dies alles haben wir dem Umgang mit digitaler Technik und Gestaltungsmöglichkeit zu verdanken und der geduldigen Begleitung und Beteiligung von Marco Werner mit seinem privaten Bildarchiv, Setus Studt mit künstlerischen Bildern und Animationen und Olaf Plotz mit Material aus seiner jahrzehntelangen Dokumentationsarbeit an Graffiti und Aufnahmen aus „Alsen klingt“.

In der Rotunde: Sprayer-Kids aus den Anfängen und Olaf Plotz lässt Alsen klingen.

(1) Kunst- und Kreativraum Rotunde

Einst Schlämm-Bottich im industriellen Produktionsablauf des Zementwerks Alsen in Itzehoe – heute Kreativraum für Graffiti- und Klangkünstler aus der ganzen Republik. In diesem Rührwerk wurden ursprünglich die Rohstoffe Kreide und Ton mit Wasser homogenisiert. Jetzt wird dieses Industrierelikt seit vielen Jahren schon als experimentell künstlerischer Freiraum für Bild- und Klanginszenierungen genutzt. Überregional Beachtung gefunden haben die insbesondere hier in der Rotunde entstandenen Graffitis (seit 1980) unterschiedlicher Künstler*innen und die Klangperformances für die Archiv-Reihe „Alsen klingt“ des Steinburger Künstlers Olaf Plotz. Seit 1999 bereits lädt der Fotograf und Klangkünstler Olaf Plotz Musiker zu Sessions auf das atmosphärisch inspirierende Gelände der ehemaligen Zementfabrik ein. So geraten die leerstehenden Hallen und Rotunden zum Tonstudio der besonderen Art, denn frei nach John Cage (I welcome whatever happens) werden unerwartete akustische Ereignisse bewusst in den musikalischen Prozess integriert. Stilistisch bewegen sich die Akteure fließend zwischen den facettenreichen Formen von Weltmusik, Jazz, Musique Concrete und Ambient Sounds. Im Vordergrund steht dabei immer die Improvisation. Zudem würdigt Plotz mit „Alsen klingt“ auch die Arbeiten der Graffiti-Künstler. Ihre Graffitis umgeben quasi als Dauerausstellung die klingenden Performances: Motivisch abgebildet ist die Geschichte der Subkultur bis in die heutige Zeit. Die gern so genannte „Wall of Fame“ wird inzwischen nicht nur von Graffiti-Insidern als „Wallfahrtsort“, sondern auch von namhaften Künstlern aus dem ganzen Bundesgebiet sogar auch international besucht und gestaltet.

Graffiti-Beispiele über Jahrzehnte auf Alsen (Fotos Olaf Plotz)

Was hier früher abging

Der Schlämmbottich (die Rotunde) aus den Anfängen (Foto K9)

Foto Lichtbildfreunde Itzehoe

Zu ihrer erfolgreichsten Zeit beherrschte die Steinburger Zementproduktion den Weltmarkt, der Sockel der New Yorker Freiheitsstatue ist eines ihrer Produkte. Geprägt hat Alsen die Umgebung um Itzehoe sowohl infrastrukturell (durch eine Kleinbahnlinie, eine Drahtseilbahn, den Breitenburger Kanal) als auch landschaftlich (durch die Kreidegrube Saturn, die Große Tonkuhle, Alsens Tongrube, die Tongrube Muldsberg in Mehlbek , ein sog. Tagebaurestloch, sowie den Rensinger See bei Kellinghusen). Die Transportwege der Rohstoffe Ton und Kreide vor Ort waren für die Zementhersteller eine große Herausforderung. Mit einer 13 km langen Drahtseilbahn wurde Ton aus Wacken nach Itzehoe herbeigeschafft und Kreide mit Ewern und Schuten über die Stör und einen eigens dafür gebauten Kanal über Lägerdorf.

Foto Planet Alsen e.V. Archiv

Die Kreide wird in den Schlämmbottich unter ständigem Hinzufügen von Wasser und Ton von Arbeitern mit der Hand aufgeschlämmt. Der Zement-Rohschlamm mit einem Wassergehalt von 80% läuft in Gruben und setzt sich ab. Nachdem das überstehende Wasser abgelassen worden ist, lässt man den Zement-Rohschlamm eintrocknen. Das aus der Grube ausgestochene Rohmaterial wird in Trockendarren aufgesetzt. Diese Trockendarren dienten seinerzeit gleichzeitig dazu, aus der Steinkohle den Koks für die Brennöfen herzustellen. Die dabei freiwerdende Wärme benutzte man zum Trocknen der Kreide-Ton-Ballen, damals „Klüten“ genannt.

Foto Lichtbildfreunde Itzehoe

Auf Horden wurden diese Stücke zerschlagen.Von den Arbeits- Bedingungen und den Produktionsabläufen von über 150 Jahren Zementherstellung zeugen die hier dargebotenen Fotos und diversen Filme sowie etliche erhaltene Produktionsteile auf dem Alsen-Gelände  aus einer untergegangenen Zeit der Industrialisierung in Steinburg. Vor diesem Hintergrund steht heute im Fokus des städtischen Planungs-Interesses die Unterstützung des Areals als Verbindungsglied zwischen dem Zentrum Itzehoe und seinem abseits gelegenen Stadtteil Wellenkamp, dem Kern der ehemaligen Alsen’schen Arbeitersiedlung.

(2) Das E-Werk : Raum für laut+leise

Heute dient die E-Werkstatt als Party-Location und Treffpunkt mit Küche und Tresen. Auch finden hier jährlich die Kurzfilmtage statt, ein Programm des „Kunstgriffs“ in Dithmarschen. Die E-Werkstatt ist einer der besser ausgestatteten Räume auf dem Alsenareal. Er ist ein idealer Veranstaltungsort mit fester Bühne inkl. installiertem Bühnenlicht und ausreichendem Stromanschuss für weitere Veranstaltungstechnik. Lärmauflagen gibt es nicht. Schon früh in den 1990er Jahren entdeckten aktive Kreise aus Itzehoes Jugend diesen Ort, sozusagen als Erweiterung ihres Treffpunkts im alten Haus der Jugend im Juliengardeweg. Hier tobte damals das Party-Leben. Maßgebliche Treiber der Jugendbewegung in Itzehoe: Suckers on Dope (SoD), eine überaus aktive Vereinigung Jugendlicher Itzehoes mit hippem Musikgeschmack und gegen das Establishment. SoD hatte maßgeblich die Szene der 1990er in Itzehoe bestimmt. SoD war der maßgebliche Antrieb für Musik und StreetArt, mit besten Kontakten zu den Metropolen der Republik. SoD war der Elternschreck in der Kleinstadt vor den Toren Hamburgs. Wir zeigen Video- und Tonaufnahmen aus jener Zeit – u.a. mit der „Erstbesetzung“ von Fettes Brot. Auch dokumentieren wir die Entstehung der Graffiti-Szene in Itzehoe mit Exponaten und Skizzen aus jenen Jahren.

Ganz frühe Vorlagen für Itzhehoes Sprayer der ersten Stunde (Fotos privat)

... was hier früher passierte

Die Elektro-Werkstatt gehörte als eine wichtige Schaltstelle für die Energieversorgung und Instandhaltung zum zentralen Nervensystem der Industrieanlage Alsen. Und diese Rolle wurde im Zuge der rasanten technologischen Entwicklung des Unternehmens immer wichtiger. Die E-Werkstatt ist zentral gelegen und auch heute ist sie zentraler Anlaufort für Besucher und Besucherinnen auf dem Gelände. Noch erhalten ist die eigentliche Werkbank mit Originalgerätschaften - ebenso das kleine, erhöht im Raum positionierte Kontor mit Wandtelefon und Mobiliar. Aktuell wird die Räumlichkeit als originelle Event-Location genutzt.

(3) Das Lager - das Depot

Szene aus "Der ewige Tag" von Toke Constantin Hebbeln

 

 

Die Werkzeugausgabe, bei uns „das Depot“, ist Teil des Magazins. Hier wurden die Werktätigen mit Klein- und auch Großteilen als auch Werkzeugen für Reparaturen, Instandsetzungen und Umbauten der industriellen Gerätschaften versorgt. Im Alsen-Zementwerk in Itzehoe gab es eine Vielzahl an Berufen, wie beispielsweise Schlosser, Elektriker, Maschinisten, Bandwärter, Höhenangst-freie Artisten zur Wartung der Seilbahn oder Arbeiter in den Kreidegruben und an den Brennöfen. Entsprechend vielfältig waren die sozialen Begegnungen im Werk und vor allem im Magazin , denn hier war auch ein Ort der Kommunikation. Jeder Werksangehörige hatte sich hier schon einmal eingefunden. Geschäftiges Treiben also auch außerhalb der Produktionsprozesse –  Zeit zum Luftholen. Umso dringlicher insbesondere für jene, denen damals die schmutzige und triste Arbeitswelt in einem Zementwerk auch aufs Gemüt schlug. Der Itzehoer, heute in Berlin lebende Filmemacher Toke Constantin Hebbeln hat in seinem Kurzspielfilm „Der ewige Tag“ diese düstere Arbeitsstimmung in bedrückender Weise zum Ausdruck gebracht. Es ist schwierig, die Arbeitsbedingungen im Werk allgemein zu beschreiben, doch lässt sich sagen, dass die Arbeiter*innen in den frühen Jahren des Alsen-Zementwerks in Itzehoe bis ca. 1910 den verschiedenen Gefahren nahezu schutzlos ausgesetzt waren.

Szene aus "Der ewige Tag" von Toke Constantin Hebbeln

Tristesse

So war unter anderem der Kreideabbau in den Gruben eine monotone und körperlich sehr beanspruchende Aufgabe, wobei sich sogenannte „Losmacher“ und „Schieber“ in Form von Akkordarbeit abwechselten und Schubkarren transportierten. 10 Stunden am Tag harte körperliche Arbeit und kaum Schutz gegen Wind und Wetter. Die Angestellten in der Kreidegrube verfügten nur über schlechtes Schuhwerk, welches beim Kreideabbau besonders gefährlich werden konnte, da Kreide bei Wasserkontakt – und damit bei schlechtem Wetter – „glitschig wie Schmierseife“ wird.  Die Arbeiter beim den Brennvorgang an den Öfen waren konstant Staub, enormer Hitze und Stichflammen ausgesetzt. Oder die Artisten an der Seilbahn, sie waren schlecht vor Stürzen aus großer Höhe abgesichert. Die Angestellten im Zementwerk Alsen mussten sich selbst mit Schutz- und Arbeitskleidung versorgen.

(Textquelle: Industriebrache Alsen in Itzehoe − Arbeitswelt im Wandel und ihre Auswirkung auf den Stadtraum. Projektbericht des P1-Studienprojekt im Bachelorstudiengang Stadtplanung an der HafenCity Universität Hamburg Sommersemester 2022)

Industrieller Verfall - Alsen verschwindet (Fotos Setus Studt)

Produkte und Produktionsweisen

Im Alsenwerk wurde nicht nur Zement hergestellt, sondern auch einige materialverwandte Produkte wie Düngekalk oder Branntkalk. Die Arbeit in den Zementwerken war schwer. Besonders an den Brennöfen und in den Kreidegruben war die Arbeit sehr hart, kräftezehrend und schmutzig. Der Kreideabbau erfolgte vorrangig in den frostfreien Monaten ab März bis Oktober. Über den Winter hinweg wurde von den Kreidevorräten aus den Lagern gezehrt. Die Kreide wurde zu Beginn der Zementproduktion noch mit Pickhacken per Hand aus der Wand gelöst, auf Schubkarren geladen und weitertransportiert. Die Arbeiter waren ca. zehn Stunden am Tag bei Wind und Wetter in der Kreidegrube beschäftigt. Bei Regen und Nässe war die Kreide rutschig wie Schmierseife, so dass es bei solchen Witterungsbedingungen nicht selten zu Arbeitsunfällen kam. Der Transport der Kreide erfolgte nach einiger Zeit nicht mehr per Pferdewagen, sondern per Eisenbahn. Weitere Modernisierungen in den Alsen´schen Kreidegruben kamen 1899 mit den ersten Baggern. Diese Neuerungen bedeuteten aber auch gleichzeitig, dass nicht mehr so viele Arbeitskräfte in den Gruben gebraucht wurden wie vorher. Ein weiterer technischer Produktionssprung erfolgte um 1907 mit der Umstellung von Schachtöfen auf Drehrohröfen. Während die vorherigen Schachtöfen viel Personal erforderten und witterungsbedingte Produktionseinschränkungen bedeuteten, konnte mittels der moderneren Drehrohröfen Personal reduziert und auch zu kälteren Jahreszeiten Zement im Werk Alsen Itzehoe produziert werden. Für die Zementproduktion wurde nicht nur Kreide, sondern auch Ton benötigt. Alsen betrieb drei Tongruben – jeweils eine in den Orten Wacken, Agethorst und Nienbüttel. Mit der Produktionssteigerung wurden gleichzeitig auch immer größere Mengen an Ton aus den zuvor genannten Abbaugebieten benötigt. Zu der damaligen Zeit war es üblich, für Materialtransporte eine Schmalspurbahn zu bauen. Da im Falle Alsens für den Bau einer solchen Bahn von den Tonabbaugebieten zur Fabrik in Itzehoe nicht nur hohe Kosten für den Grundstückserwerb anfielen, sondern auch wegen des Flusses Stör auch ein Umweg über bestehende Brücken anfallen würde, wäre dieses Transportmittel unwirtschaftlich gewesen. Aus diesen Gründen beauftragte Alsen 1908 die Firma  Adolf Bleichert & Co  eine eigene Drahtseilbahn Verbindung zu konstruieren. Die Drahtseilbahn startete nicht direkt in den Abbaugruben, sondern in einem großen, nahegelegenen Tonlager, welches durch Schmalspurwagen über kurze Strecken aus den Gruben gespeist wurde.

Historische Fotos (Archiv Planet Alsen e.V.)

Zement

Alsen-Relief zur Weltausstellung 1893 in Chicago (Foto K9)
Historische Stadtansicht (Foto Archiv Planet Alsen e.V.)

Kreide braucht man in der Zementherstellung als Grundstoff. Die Kreide wird gegraben, geschlemmt, d.h. in Wasser homogenisiert (in die gleiche Struktur gebracht), und dann ausgestochen. Anschließend wird sie auf Trockengestellen in der Luft getrocknet. Danach wird die Kreide zusammen mit Ton gebrannt und der Brand gemahlen. Das Endprodukt heißt Zement. „[...] Aus 12 Metern Tiefe [wird] die Kreide Mit dem Spaten abgestochen und auf die um jeweils 2 Meter höher stehengebliebenen „Kanzeln“ (Abbaustufen) zum Obermann weitergeworfen [...], der sie wieder dem über ihm stehenden Mann zuwirft. In fünf- bis sechsmaligem Turnus erreicht die Kreide schließlich den Grubenrand. Hier wird sie auf Schubkarren geladen und zu den Beladestellen der Pferdegespannwagen geschoben. Jeder Pferdewagen mit seinen 1500 kg fährt nach der Beladung zum 6,5 Kilometer entfernten Kreidelager bei der Fabrik in Itzehoe . Die Kreide wird in den Schlämmbottich unter ständigem Hinzufügen von Wasser und Ton von Arbeitern mit der Hand aufgeschlämmt. (…) Danach beschickte man den einschließlich Schornstein 15 Meter hohen Ofen (2,5 Meter Durchmesser 7 Meter hoch. Nach dem Abkühlen konnte der Rost herausgezogen werden, so dass das gesinterte Material nach unten stürzte, wo es mit Handgabeln ausgetragen wurde. Die Sortierung dieses Ofenmaterials in „Gares“ und „Ungares“ und „Überbranntes“ stand dem wichtigsten Mann des Werkes zu. Ungares wurde dem nächsten Ofen wieder zugegeben. Überbranntes wurde weggeworfen. Das gare Material „Cementklinker“ ging vom Brecher zu den Kollergängen und wurde hier zu Cement vermahlen. Die Leistung eines solchen Ofenbrandes betrug durchschnittlich 55 Fass = 9 Tonnen. (…)“ (Willi Breiholz (1963):  Alsen ́sche Portland_Cement-Fabrik KG, 14 - 18)

Soziales

Ein soziales Engagement der Unternehmer Alsen ist besonders präsent im Bereich Freizeit der Arbeitergemeinschaft. Hierdurch wurde deren Bindung an das Unternehmen gestärkt. So entstanden in Itzehoe für die Belegschaft zwei Badehäuser, ein Arbeitsgesellschaftshaus und drei Gebäude der Alsen‘schen Konsumgesellschaft mit vergünstigten Einkaufspreisen. Zur Förderung der Freizeitgestaltung wurden unter anderem Musik- und Sportvereine gegründet, als auch Lesezimmer und Kegelbahnen betrieben. Hauptmotiv für das breite und vielfältige Freizeitangebot Alsens war die Hoffnung, dadurch Fachkräfte anlocken und an das Unternehmen binden zu können. Auch aktive Wohlfahrt für Ältere und in Not Geratene wurde betrieben, um die Arbeiter:innen und ihre Familien in ihrer Alltagsbewältigung zu unterstützen. Bereits um die Jahrhundertwende um 1900 wurden Altersheime in Lägerdorf und Uetersen gegründet und wenig später in Betrieb genommen. Und 1884, im Jahr der Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft, wurde eine Betriebskrankenkrasse für die Arbeiter:innen gegründet. Bis in die letzte Generation der Alsen-Familie wurden auch Feste veranstaltet und so ein großes Gemeinschaftsgefühl in der Arbeitnehmerschaft gestärkt.

(4) Das Magazin

Von der ursprünglichen Nutzung als Düngemittel, als Anstrich- und Scheuermittel oder zur Mörtelherstellung wurde die Kreide bald als wesentlicher Bestandteil von Portlandzementklinker genutzt. Mit der Inbetriebnahme der ersten Fabriken 1863 in Itzehoe und in Lägerdorf war der Kreis Steinburg der zweite Portlandzementklinkerstandort in ganz Deutschland. Zuvor entstand schon in Buxtehude, circa 20 Kilometer östlich von Hamburg, im Jahr 1850 die erste deutsche Portland-Zement-Fabrik. Aufgrund geologischer Vorteile in der Region Steinburg als auch durch die Stadt Itzehoe gut ausgestatteter Mobilitätsstrukturen wuchs die heimische Zementindustrie schnell. Der Unternehmer Alsen stattete sein Werk immer komplexer aus, wozu dann eine Schlosserei, eine Elektrowerkstatt und eine Werkzeugausgabe im Magazin gehörte. In diesem dreistöckigen Gebäude wurden Materialien zur Instandhaltung der Maschinen und Werksanlagen vorgehalten und an die Mitarbeiter ausgegeben. Heute wird das Erdgeschoss als Versammlungsstätte und großer Veranstaltungsraum für kulturelle und gesellschaftspolitische Zwecke genutzt. Stadtentwicklungsthemen wurden hier über die "StadtDebatte" diskutiert und ausgestellt.

Wohnen

Das Unternehmen Alsen trug als Verkörperung der Industrialisierung im Kreis Steinburg und damit auch als Mitverursacher zahlreicher Missstände eine hohe Verantwortung gegenüber der Arbeiterschaft, der Stadt und ihrer Bevölkerung. In diesem Zuge hat sich das soziale Engagement des Unternehmers Alsen durchaus ambivalent entwickelt, war in seiner Anwendung für die damalige Zeit zwar fortschrittlich und konnte für die Stadt einen hohen Wert erlangen, wusste aber auch mit dem Status der Arbeiterschaft zu taktieren. Die Unternehmensführung ließ gegen die Wohnungsnot zahlreiche Werkswohnungen bauen. Es handelte sich zwar nicht um die günstigsten, aber im Preis- Leistungsverhältnis um erschwinglichen Wohnraum. Verbunden waren die Wohnung mit einem sicheren Schutz vor Obdachlosigkeit, und gleichzeitig diente die Miete als Altersvorsorge für die Arbeiterschaft, denn mit der Rente konnte der Besitz dieser Wohnungen oft an die Arbeiter*innen gehen. Doch strahlten über die Werkssiedlung Wellenkamp industrielle Hierarchien in die Stadt hinaus. Klassenunterschiede wurden immer deutlicher. Die Fabrikanten mit ihren Villen reihten sich schnell in die gut bürgerlichen Gegenden ein, während die Werkssiedlungen einen stark hierarchischen Charakter ausstrahlten: Die Gastarbeiter:innen lebten in Kasernen, während die Festangestellten in Mehrfamilienhäusern wohnten. Die räumliche Segregation unterschiedlicher Klassen verstärkte sich zunehmend.

(Textquelle: Industriebrache Alsen in Itzehoe − Arbeitswelt im Wandel und ihre Auswirkung auf den Stadtraum. Projektbericht des P1-Studienprojekt im Bachelorstudiengang Stadtplanung an der HafenCity Universität Hamburg Sommersemester 2022)

Arbeiterwohnen in Werkssiedlungen

Die Firma Alsen war bereits 1890, nur wenige Jahre nach ihrer Gründung, das größte Zementunternehmen der Welt. Das Unternehmen entwickelte sich nicht nur baulich und technisch schnell weiter, sondern wuchs auch in der Zahl seiner Beschäftigten. Während zu Beginn das Unternehmen 16 Mitarbeiter führte, waren es nach 10 Jahren bereits 150 Personen und um 1890 / 1900 dann 500 Beschäftigte. Die Hochzeit der Produktion erreichte das Unternehmen vor dem ersten Weltkrieg und produzierte die größte Zementmenge weltweit. Um 1913 umfasste das Unternehmen ca. 1.500 Arbeitskräfte. Um so expandieren zu können, war für die Firma Alsen u.a. der Bau von Werkssiedlungen für die Beschäftigten notwendig. So wurden in der Zeit ab 1879 durch die Firma die ersten acht Vierfamilienhäuser für die Arbeiter gebaut. Die Häuser lagen 10 Minuten von der Fabrik entfernt am Standort Wellenkamp. Der Bau von Werkssiedlungen für die Arbeiter geschah nicht nur aus Motiven heraus, in kurzer Zeit günstigen Wohnraum für die Arbeitskräfte zu schaffen, sondern auch in der Erwartung einer Steigerung der Produktivität der Arbeiter auf Grund ihrer Zufriedenheit durch einen sicheren Wohnraum. Allerdings erfolgte über den Wohnraum auch eine feste Bindung der Arbeiter an das Unternehmen, da den Arbeitern bei Verlust ihrer Anstellung auch der Verlust ihrer Wohnung drohte. Weitere Mehrfamilienhäuser folgten und wurden auch in den Gebieten Schulenburg und auch in Lägerdorf für die Arbeiter im Kreideabbau erstellt. Zu unterscheiden sind die Werkssiedlungen, in denen die festangestellten Arbeitskräfte Alsens wohnten und die Arbeiterherbergen für die Saisonarbeiter, die z. B. in den Kreidegruben bei Lägerdorf tätig waren. In den Werkssiedlungen wohnten Angestellte des Unternehmens Alsens. Diese waren nicht nur Fachkräfte, sondern auch Personen in verantwortungsvollen Positionen. Dennoch konnten nicht alle Arbeitskräfte in den Werkssiedlungen untergebracht werden und den besseren Wohnstandard genießen, als es sonst zu der damaligen Zeit für die Arbeitskräfte üblich war. Im Unterschied zu den Wohnungen und Häusern in den Werkssiedlungen verfügten die Arbeiterherbergen für die Saisonarbeiter über Gemeinschaftsküchen und Speisesäle. Die Raumaufteilung unterschied sich hier grundlegend von der in den Häusern der Werkssiedlungen, die auf das Leben in Familien ausgelegt war. Stilistisch waren einige Häuer der Werkssiedlung in Wellenkamp an Landhausvillen angelehnt. In späteren Jahren baute die Firma Alsen auch mehr Einfamilien- statt Mehrfamilienhäuser, die über einen größeren Garten und sogar einen Stall verfügten.

(5) Die Galerie

Die Industriebrache Alsen ist mit ihren zum Teil dem Verfall überlassenen, zum Teil für aktuelle Nutzungen bewahrten Örtlichkeiten ein Freiraum für die Kunst- und Kreativszene. Neben der intensiven Präsenz von Graffiti-Kunst auf allen Wänden der Gebäude und Ruinen auf dem Gelände sind Klangkünstler und Bildende Künstler regelmäßig mit ihren Aktionen auf dem Gelände zu Gast und verwandeln Alsen vom „LostPlace“ zu lebendigem Kulturraum angewandter Kunst. Anlässe sind oftmals die „Tage der offenen Tür“ des Vereins Planet-Alsen e.V. oder die „Tage der Industriekultur am Wasser der Metropolregion Hamburg“ oder die offenen Kultur- und Architekturtage auf Alsen. Beispiele sind u.a. Eimo Cremer mit seiner Installation „Die Montablen“, eine Großraum-Skulptur, die aus genormten Teilen und Befestigungselementen besteht, oder die Live-Portrait-Malerei mit Heinrich Kröger, Bildender Künstler aus Itzehoe oder die „Ameisenstraße der Ideen“ von Setus Studt. Sie sind aus Draht gewickelt und bevölkern die Innenräume auf dem Gelände. Überall sind sie zu finden und verweisen auf die Entwicklung kreativer Nutzungsideen für das Gelände.

Architektursommer

Seit 2005 gab es auf Alsen den „Architektursommer“, eine Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit der HafenCity Universität Hamburg und weiteren Hochschulen. Betrachtungsobjekt war das Alsen-Gelände in seiner besonderen Lage in der Stadt und als experimenteller Freiraum für Film, Architektur und Kunst. Hier päsentierten Architekturstudent*innen ihre zu Stegreifaufgaben entworfenen Konzepte für die Überplanung von Problembereichen der Stadt Itzehoe. Es gab Diskussionen, Teilbesichtigungen und Exkursionen, Gedankenaustausch, Diskussionsforen. Auch wurden für alle Interessierten (nicht nur für die teilnehmenden Student*innen) Stadtbesichtigungstouren angeboten. Darüber hinaus war der Architektursommer auch immer ein Kultursommer mit Programmen der Begegnung über Musik, Video oder Skulptur. Dann die „Umbruchphase“ 2010. Der Anspruch des Vereins wurde lauter, eine Außenstelle universitären Lebens werden zu wollen. Stattdessen pausierte der Architektursommer, ein Entschluss, der den Fortlauf insgesamt fast zum Erliegen brachte. Fortan erstellte eine Arbeitsgemeinschaft von drei Büros für die Stadt die Gestaltungsplanung für eine Kultur- und Veranstaltungsnutzung auf Alsen. Von 2011 bis 2015 wurde der Architektursommer fortgeführt. Seitdem ruht seine Durchführung.

Industriekultur am Wasser in der Metropolregion Hamburg

Die Metropolregion Hamburg ist geprägt von der Industrielandschaft an der Elbe, ihren Zuflüssen und Wasserstraßen. Hafenanlagen, Schleusen und Schiffe, Leucht- und Wassertürme, Brücken und Mühlen, Fabriken und Kraftwerke. Zur Industriegeschichte öffnen an der Ausstellungsbiennale „Tage der Industriekultur am Wasser“ viele historische Industrieanlagen und -museen ihre Tore, zeigen ihre Technik und erzählen ihre Geschichte, in der immer wieder das Wasser eine Hauptrolle spielt. Durchschnittlich 125 Industrie-Denkmale zwischen Cuxhaven und Schwerin, zwischen Ostholstein und dem Allertal und natürlich auch in Hamburg und dem Westen Schleswig-Holsteins bieten dem Publikum besondere Programme: Führungen und Vorführungen, Besichtigungen und Mitmachaktionen erklären die historische Technik und Arbeitswelt für viele Klassiker, aber zeigen auch unbekannte und verborgene Schätze. Seit 2015 ist die ehemalige Zementfabrik Alsen Teil der Ausstellungsbiennale und hat sehr erfolgreich viele überregionale Besucher angezogen.  Die Integration in die groß angelegte Ausstellung der Metropolregion Hamburg verhilft dem ungewöhnlichen Industrie-Relikt in Itzehoe zu mehr Beachtung und unterstreicht die Bedeutung als Denkmalstätte zur Arbeitswelt des Industriezeitalters in seinen Anfängen.

Dokumentation digital : medial : regional

Kulturraum Itzehoe - Inside Alsen

Industriekultur im Stadtraum

Interaktives Projekt der digitalen Medienkunst Eine fast vergessene Arbeitswelt transformiert in kulturelle Kreativräume.

 

Projekt-Dokumentation Kulturraum Itzehoe InsideAlsen
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