Von der Lust zu experimentieren und der Freude am Detail

Ein Stadt-Park im Februar, ein Gedicht von Klaus Groth und drei Kinder, die Freude an der plattdeutschen Sprache verbindet – das sind die Zutaten für ein Projekt, das noch möglichst digital daherkommen sollte. Entstanden ist ein wunderbarer Film mit zwei alternativen Erzählsträngen und dazu selbsteingespielten Songs. Dazu gibt es eine ufangreiche Dokumentation mit Illustrationen und einen USB-Wafer mit allen wichtigen Daten.

 

Ein hohes Maß an Fantasie und Kreativität war erforderlich, um aus diesen Komponenten einen Film zu entwickeln. Doch bereits drei Jahre gemeinsame Erfahrungen mit Maike Kühl, Lehrerin und Koordinatorin fürs Plattdüütsche an der Auguste Viktoria Schule Itzehoe, haben uns eine Reihe von Audio-Produktionen eingebracht, eine sogar mit Emmi-Auszeichnung der Kieler Staatskanzlei. Das gab Vertrauens-Vorschuss auf beiden Seiten, dass wir auch dieses Projekt gemeinsam zu einem ansehnlichen Ergebnis bringen würden. Nur wenige Wochen Produktionszeit und ein überschaubarer Etat setzten zusätzlich sportliche Grenzen.

Schon die erste Begegnung mit Janne, Meeno und Lukas war vielversprechend, dass diese drei die kleine Geschichte um den tanzenden Hasen, den gierigen Fuchs und die schmarotzende Krähe anschaulich darstellen könnten und ein kleiner Film gelingen würde. Das triste Grau der Natur im Februar und die Lust zum Experimentieren brachte die kreative Gruppe schnell ins Studio des KulturBahnhofs, um mit allen zur Verfügung stehenden Techniken hier den Film zu produzieren – mit der Green-Screen-Technik, einem üppigen Beleuchtungs-Aufgebot, excellenter Kameraausrüstung und unsere eingespielten ProjektProfis Ann-Christin für das Video, die Postproduktion und Dirk für die Songs und den Sound. Die jungen Akteure waren begeistert. Die drei Figuren Hase, Fuchs und Krähe wurden so einfühlend dargestellt, leidenschaftlich war der Einsatz, jedes Detail in den Szenen immer wieder geduldig geübt und variiert, bis für alle Herausforderungen eine Lösung gefunden war. So musste die Krähe auf einem Baumast sitzen und dann auf den Boden herunterflattern, so sollte es aussehen. Beim Dreh vor der GreenScreen sah das allerdings so aus, dass Janne (unsere Krähe) auf winzig kleiner Fläche eines Cajons ganz lange hocken musste, dabei Geige spielen sollte, um dann gezielt flatternd auf einen Punkt zu springen. Immer vor Augen, die eigentliche Szene wird erst durch den virtuellen Hintergrund vollendet und für den Zuschauer überzeugend erlebbar. Viel Fantasie und Vorstellungsvermögen wurden von den jungen Darstellern abgefordert und tatsächlich eingebracht.
Überschattet wurde die Produktion mehrfach durch Krankheitsausfälle, für ein kleines Team fatal, und erforderte dadurch eine Projektverlängerung. Aber das Engagement des gesam- ten Teams fing die Zeit-Lücken wieder auf und vollendete die Produktion. Insgesamt ist mit diesem kleinen Film und einer anschaulichen Dokumentation dazu erneut ein Produkt im KulturBahnhof entstanden, das ein erweitertes Feld der Kreativ-Szene in den Kosmos der plattdeutschen Sprache einbezogen und diese wiederum in die digitale Welt integriert hat.

 

Wie Lütt Matten entstanden ist ...

 

Nachdem wir in diesem Schuljahr in der Niederdeutsch AG zunächst Nieder- deutsch gelernt hatten, entstand die Idee, ein Filmchen zu machen. Vorge- nommen haben wir uns dazu das all- bekannte Lied „Lütt Matten, de Haas“. Jeder weiß, wie die Weise geht: Bei relativ harmonischer Melodie blüht dem Hasen (gespielt von Meeno Rehder) der Tod und er wird am Ende gemein- schaftlich von dem Fuchs (dargestellt von Lukas Reichel) und der Krähe (umgesetzt von Janne Harms) verspeist.

Die Idee war nun, den Hasen einmal in seiner „Verteidigungsfähigkeit“ zu würdigen. Bei Recherchen zum Thema „Hase“ fanden die Schüler*in nämlich durchaus heraus, dass Hasen gar nicht so wehrlos und naiv sind, wie gemeinhin angenommen wird. Zunächst kam bei unserer Umdichtung des Liedes die Krähe noch halbwegs glimpflich davon, aber damit waren die Akteure nicht zufrieden. Sie fanden, die Krähe als Nutznießerin der durch den Fuchs durchgeführten Mordtat müsse eine gerechte Strafe erhalten. So wurde dann nicht nur der Fuchs, sondern auch die Krähe Opfer ihres eigenen Vorhabens, und beide erlitten nun selbst das Schicksal, das sie eigentlich dem Hasen zugedacht hatten, nämlich den Tod.

Dabei gibt es dann auch einen Chor, der wie in der Antike beim Verständnis der Handlung des Originalliedes hilft, indem er es vorher singt, und etwas moderner nach Ende der Handlung die neue Version sogar rappt. Im Chor singen Leezaa Waage, Tabatha Siewert, Marla Knickrehm und Jonna Niemann.

Maike Kühl
Lehrerin und Koordinatorin Niederdeutsch an der AVS

 

 

 

Ein beliebtes Utensil in der kreativen Projektarbeit mit den Kids ist seit kurzem die GreenScreen. Hier im Hintergrund zu sehen ein aktueller Versuch, für die szenische Ausgestaltung von „Lütt Matten de Has“ neue Hintergründe zu gestalten. Dies geschieht mit der GreenScreen bekanntlich, ohne den Spielort wechseln zu müssen. Die grüne Wand im Hintergrund wird einfach digital mit neuen Inhalten bestückt und bearbeitet. So agiert Lütt Matten plötzlich ohne Schwierigkeiten in der Wüste Sahara oder in Omas Garten oder Badewanne oder auf dem Meer – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Unsere jungen Akteure von der Auguste Viktoria Schule sind begeistert.

 

 

Bewährte Kooperation: KulturBahnhof Viktoria und Auguste Viktoria Schule Itzehoe

Maike Kühl - Lehrerin und Koordinatorin Niederdeutsch an der AVS Itzehoe

Seit einigen Jahren schon ist die Auguste Viktoria Schule in Itzehoe Modellschule für Niederdeutsch. Niederdeutsch wird dabei im Rahmen der „Offenen Ganztagsschule“ unterrich- tet. Die ältesten Schüler*innen, die an der AG teilgenommen haben, gehen mittlerweile in die Oberstufe. Während der Coronazeit, als die AG nicht stattfinden konnte, wurde dann ein eigentlich geplantes Theaterstück in ein Hörspiel umgewandelt, welches man Corona-konform im KulturBahnhof aufnehmen konnte. Dies geschah zum Teil sogar in den Ferien, und die AG-Teilnehmer*innen waren froh, einmal aus dem Haus zu kommen. Richtig wegfahren konnte man in Zeiten der Pandemie ja nicht. Für das Erstwerk erhielten wir sogar einen „Emmi“, den sogenannten Niederdeutsch-Oscar. Danach folgten noch zwei weitere Hörspiele in Zusam- menarbeit mit dem KulturBahnhof.

Und dieses Jahr nun trauten wir uns ran an die filmische Bearbeitung des niederdeutschen Textes „Lütt Matten“ von Klaus Groth. Herauskommen sollte eine für uns durch und durch neue Bearbeitung des literarischen Stoffes und ein am Ende für sich stehendes eigenes kleines Kunstwerk. Hierbei erhielten wir tatkräftige Unterstützung aus dem KulturBahnhof von Ingrid Ebinal und Thomas Engel sowie von Ann-Christin Baßin und Dirk Bertram. Nun gibt es zum Projektabschluss sogar noch ein Buch. Die Illustrationen darin hat Miriam Twahirwa hergestellt. Die Titelzeichnung hat Norbert Pralow beigesteuert. Für die schönen Kostüme sorgten die Mütter von Meeno Rehder und Janne Harms. Und auch aus dem Theaterfundus der Auguste Viktoria Schule durften wir uns bedienen.

Natürlich hätte auch diese Aktion ohne die Unterstützung von Herrn Stäcker aus dem Bildungsministerium in Schleswig-Holstein nicht stattfinden können, der die Entstehung dieser AG an unserer Schule gefördert hat. Herzlichen Dank an alle!

 

Lütt Matten schlägt zurück ...

 

Als Komponist und Musikproduzent war es meine Aufgabe, mit den Schülerinnen die plattdeutsche Tierfabel „Lütt Matten de Haas“ von Klaus Groth musikalisch zu interpretieren. Im Vorfeld haben sich die Schüler*innen den Originaltext zu eigen gemacht, zum Teil auswendig gelernt, um dann eine alternative Version zu schreiben, in der es für Lütt Matten ein Happy End gibt.

Im Original wird ihm sein Tanzvergnügen zum Verhängnis und der Fuchs tötet ihn als vorgetäuschter Tanzpartner. Auch die Krähe verzehrte dann den armen Hasen. Das konnten die Schüler*innen so nicht stehen lassen. Sie schrieben ein neues Ende, in dem Lütt Matten sich zur Wehr setzt und den Fuchs tötet, woraufhin die Krähe einen Herzinfarkt erleidet. Nun denn!?

Musikalisch haben wir uns mit dem Chor zuerst an der Volkslied-Version ausprobiert und diese dann auch als einfaches Volkslied aufgenommen, wie es schon viele vor uns getan haben. Im Anschluss ließen wir unsere Phantasie in moderne musikalische Welten schweifen und haben überlegt, wie heutzutage Geschichten musikalisch erzählt werden. Das Genre unserer Wahl war HipHop. Ein einfacher Beat musste her. Eine kleine Melodie. Und natürlich die bereits erwähnte alternative Textversion mit Happy End für den Hasen, die die Schüler/innen schon vorbereitet hatten.

Und dann ging es ab ins Studio. Im frisch renovierten Studio vom Kulturbahnhof Viktoria konnten die Schülerinnen dann erste Studioerfahrungen mit Gesangsaufnahmen auf ein Playback machen. Sie haben live zu viert mit Kopfhörern ausgestattet in zwei Mikrofone zum Playback eingesungen. Anschließend haben wir die beste Version herausgesucht und fertig war unsere HipHop-Version. Wir hätten das noch stundenlang weitermachen und perfektionieren können, aber wir hatten nur begrenzte Zeit und sind letztlich mit unserer Version zufrieden. Schließlich blicken wir auf einige spaßige und interessante Stunden der gemeinsamen Arbeit zurück.

Dirk Bertram

(Komponist und Musiker)

  Schauspielern im Studio und vor dem GreenScreen

Ann-Christin Baßin ist an zahlreichen medienpädagogischen Projekten im KulturBahnhof Viktoria beteiligt. Ein Schwerpunkt ihrer Expertise liegt auf der filmischen und photographischen Umsetzung von Projektthemen aus dem partizipativen Spektrum der Kompetenzvermittlung in unserer Einrichtung. Bei „Lütt Matten“ hat Ann-Christin die jungen Akteure u.a. in die Anwendung der GreenScreen eingeführt – ein weiteres Instrument filmischer Gestaltungsfreiheit. Die beistehende Beschreibung der Projektabläufe lässt Lütt Matten noch einmal ganz anders agieren, als wir es aus dem Originaltext des Gedichts von Klaus Groth kennen.

Zum Projekt Lütt Matten de Haas mit Schüler*innen der Auguste Viktoria Schule Itzehoe sagt sie: „Es hat großen Spaß gemacht, das plattdeutsche Gedicht von Klaus Groth mit den Schülern vor dem Greenscreen in bewegte Bilder umzusetzen. Janne, Meeno und Lukas waren hochmotiviert und hatten tolle Ideen!“ Den Kindern war der Tod des Hasen in der Originalversion zu dramatisch. Daher erarbeiteten sie mit ihrer Lehrerin Maike Kühl eine zweite Version, in der das Langohr nicht mehr Opfer ist, sondern plötzlich zum Helden wird, der die Hinterlistigkeit des Fuchses durchschaut und sich wehrt. Mit vielen Actionszenen.

Der plattdeutsche Text saß, die Positionen waren klar. Nun ging es darum, im Kostüm beide Versionen glaubhaft vor der Kamera zu verkörpern. Gar nicht so leicht, denn ein Greenscreen hat eine begrenzte Fläche, innerhalb der man agieren muss. Sonst ist eine Hand, ein Bein oder die Requisite plötzlich nicht mehr im Bild. Alles, was am Boden spielt, muss vertikal gefilmt werden, das darf aber hinterher nicht so wirken. Zudem hat jede Einstellungsgröße der Kamera (Nahaufnahme, halbe Figur oder Totale) einen anderen Hintergrund, der später am Computer hinzugefügt wird.

Schauspielerisch wurde den Protagonisten einiges abverlangt, denn alle trugen eine Maske, die die Augenpartie verdeckte. Gefühle wie Angst, Erschrecken oder Triumph mussten in der Nahaufnahme also besonders deutlich dargestellt werden. Unsere drei Akteure bewiesen dabei viel Mut und schreckten auch vor Wiederholungen nicht zurück.

Schauspielern mit deutlichen Gesten und dabei auch noch auf Begrenzungen zu achten ist nicht leicht. Daher wurde entschieden, die plattdeutschen Texte im Tonstudio einzusprechen und die Tonspur hinterher in das Video einzubauen. Ein Ergebnis, mit dem alle anschließend sehr zufrieden waren.

 

Epilog: Mimesis und künstlerische Modellierung

 

Seit Jahren bereits arbeitet der KulturBahnhof Viktoria in einer sehr ergiebigen Kooperation zusammen mit Maike Kühl, der Lehrerin und Niederdeutsch-Koordinatorin an der Auguste Viktoria Schule (AVS) Itzehoe, und ihren Niederdeutsch-Schüler*innen verschiedener Jahrgänge. Die produktive Kontinuität in der gemein- samen Projektarbeit hat Vertrauen wachsen lassen und eine bemerkenswerte Kompetenzerweiterung auf beiden Seiten aller beteiligten Akteure geschaffen. Und das ausschließlich unter dem Attribut der Freiwilligkeit, denn das Niederdeutsch-Engagement fand und findet ausschließlich zusätzlich zum regulären Unterricht an der AVS statt. Die Freiwilligkeit ist ein zentrales Merkmal zivilgesellschaft- licher Tätigkeiten und fördert einen stressbefreiten Kompetenzerwerb. Vor diesem Hintergrund bleibt auf unserer Seite so viel Freude und eigenes Lernen in der Zusammenarbeit mit den Kiddies zu erleben – das macht die Qualität dieser Begegnung und dieser Arbeit aus. Die inhaltliche und sprachliche Vorbereitung der Medienprojekte wird
in der Schule auf den Weg gebracht, die kreativ-methodischen Umsetzungsformate dann außerschulisch in den Medienräumen des soziokulturellen Zentrums und schlussendlich die technische Realisation bis zum Endprodukt von Hörspiel und Film im „Fachraum“, dem Studio des KulturBahnhofs. Medienkompetenz und Produktions-KnowHow, die Wertigkeit der technischen Ausstattung als auch die zwanglose Dynamik eines Dritten Ortes im Zentrum der Stadt haben den KulturBahnhof zum ersten außerschulischen Lernraum mit „Vollausstattung“ in Itzehoe wachsen lassen, der zunehmend in die Planung der Schulen für ihren Offenen Ganztag einbezogen wird.
In der medienpädagogischen Arbeit des KulturBahnhofs ist die stressfreie Vermittlung kultureller Bildung oberstes Gebot – im Format von Reflexion direkt auf die Kultur. In diesem Sinne liegt die wesentliche Aufgabe kultureller Bildung darin, alternative Erfahrungsformen und neue Erfahrungsmöglichkeiten zu befördern. Die Projektrealisation von LüttMatten löst diesen Anspruch erlebbar ein. Und das zudem in einer aufmerksam vorausschauenden Weise, denn die fortschreitende digitale Transforma- tion unserer Lebenswelten und hat ebenso die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen enorm verändert. D.h. auch die Entwicklung der medienpädagogischen Arbeit mit unseren jungen Akteuren ist mit einem neuen bildungsbezogenen medialen Habitus und neuen medienkulturellen Sehweisen und Optionen konfrontiert.

Die kulturelle Bildung erhält in diesem Zusammenhang insofern eine besondere Relevanz, als dass die digitale Transformation unserer Welt neue digitale Kulturtechniken erforderlich macht. Im Projektverlauf der filmischen Realisation von LüttMatten bedeutet dies konkret, sich vertraut zu machen mit virtuellen Erlebnisräumen und der Anwendung von virtuellen Gestaltungsinstrumenten wie dem Greenscreen. So erweitert sich im Projektverlauf von LüttMatten die Kompetenzvermittlung in die Vermittlung digitaler kultureller Bildung.

ProjektDoku
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