Hintergründe + Ansichten

Waren in den Gründungsjahren vieler großer Zentren in den 70-er Jahren die Gemeinsamkeiten im Aufbau eigener Strukturen, einer neuen „Kultur mit Zugang für alle“ und im „Kampf gegen das Establishment“ zu finden, immer auch mit klaren politischen Vorstellungen, mehr oder weniger radikal, aber sehr detailliert definiert und im Kopf das Fernziel: den Umbau der Klassen-Gesellschaft zu einer basisdemokratisch ausgerichteten Gesellschaft. Längst haben sich die  einstigen Gemeinsamkeiten ausdifferenziert in vielschichtig gelagerte Nahziele und oft auch aufgebraucht in der Anstrengung um  Anerkennung als förderwürdige Kultur im Antragswesen bei Ämtern und Behörden. Inzwischen gibt es kaum ein Zentrum ohne öffentliche Förderung, man hat sich arrangiert mit den Marktmechanismen und das politische Engagement ist heruntergefahren zur individuellen Entscheidung jeder einzelnen Einrichtung. Es gibt kein „Feindbild“ mehr – es sei denn die AFD – aber auch daraus resultieren meistens keine gemeinsamen Aktionen mehr.

 

Die politische Landschaft hat sich mittlerweile total verändert, Globalisierung und wachsendes Umweltbewusstsein haben eine neue Bewegung in die Gesellschaft gebracht, eine neue kritische junge Bewegung und ein  zunehmend aufgeklärtes Bildungsbürgertum haben  Demokratisierungsprozesse in Gang gesetzt, die in den 70-er Jahren so niemand erwartet hätte. Aber was ist besser? Ausgehend von der Energiediskussion um das Ende des Wachstums und in dem Zusammenhang auch um Teilhabe und Mitgestaltung, um zunehmende Bürgerbeteiligung (an den Regenerativen Energien) macht sich die Erkenntnis breit, dass „Soziale Innovationen“ (damit gemeint sind grundlegende gesellschaftliche Veränderungen) notwendig sind, um mit einem größeren Beteiligungsmodus und stärkeren demokratischen Prozessen die anstehenden Probleme besser lösen zu können. Und hier bereits spaltet sich die Diskussion in „Grünes Wachstum“ (aber systemimmanent) und die „Postwachstumsgesellschaft“ mit Akteursgruppen, die Nieschen besetzen und in „bottom up-Prozessen“ die Gesellschaft von unten her verändern.

 

Die soziokulturellen Zentren sind genau diese Nieschen, in deren „Think-Tanks“ die Ideen gedeihen für eine alternative Politik zu den Problemen der Geflüchteten, wo sich der Widerstand regt gegen rechte Entwicklungen, wo sich Gestrandete und gesellschaftliche Gruppen einfinden, deren Stärke nicht ausreicht, um in den etablierten Werdegängen mitzuhalten, vor allem aber ist hier das kritische Potential der sich bewusst abgrenzenden Fortschrittlichen angesiedelt. Soziokultur ist immer ein Stück Gegenkultur. Von hier können wieder die Impulse ausgehen, die schon einmal große Massen der Gesellschaft bewegt hat und dieses mittels der Kultur bewerkstelligt hat.

 

Die soziokulturellen Zentren in SH haben einen schwereren Stand im kulturellen Gefüge als in anderen Bundesländern, da die Förderpolitik hier weniger ausgeprägt ist, die Bedeutung der Zentren nicht so hoch gehängt ist in der Politik, selbst die StaatsKultur einen weitaus geringeren Etat hat als in anderen Bundesländern. Hier gilt es anzusetzen mit einer Stärkung der Soziokulturellen Szene in SH. Die LAG Soz muss heraus aus dem Image der gemütlichen, partnerschaftlichen Einrichtung, muss wieder „aggressiver“ werden.

Nachschlag

 

 

Diese Standards für ein soziokulturelles Verständnis sind für unsere Interessen in SH notwendig zu definieren. Aber ist es auch notwendig, dass diese Identität räumlich abgegrenzt wird von anderen Bundesländern? D.h. gibt es SH-spezifische Anforderungen, die eine eigene Identität unseres Bundeslandes ausmachen und sich unterscheiden von denen anderer LAGs?

 

Ja wir brauchen Standards, weil

  1. wir sind anders als die „Staatskultur“
  2. wir sind anders als die kommerzielle Kultur
  3. wir wollen von der Gesellschaft als „Soziokultur“ wahrgenommen werden
  4. wir benötigen diese Abgrenzung, um im Dschungel der diversen Kulturinstitutionen als eigene Kategorie spezifische Interessen vertreten zu können
  5. wir benötigen diese Abgrenzung auch für unsere Positionierung im Wettbewerb um Fördertöpfe

 

Aber macht es Sinn, Standards zu entwickeln, wenn jedes Zentrum seine eigene Definition des Sozio-Gedankens ausdrückt? Wenn sich keine zwei Zentren so sehr ähneln wie zwei Konzerthäuser oder zwei Museen? In den staatlichen Institutionen existieren seit Langem Standards. Und in den kommerziell geführten Galerien und Musik-Clubs überlebt nur, wer sich den Gesetzen des Marktes und seiner Wachstumsmaxime unterwirft.

Da jedoch auch die soziokulturellen Zentren (über-)leben, haben sie entweder ein nennenswertes Gewicht an staatlicher Unterstützung einzuwerben oder einen erheblichen Beitrag durch eigene Veranstaltungen zu erwirtschaften und unterliegen darin ebenfalls den Marktgesetzen. Daher biegt die Fragestellung auch in diese Richtung ab, wie viel soziales Engagement verkraftet ein Zentrum und wie viel unbezahlte Arbeit („Ehrenamt“) ist notwendig, um die Einrichtung am Laufen zu erhalten?

 

Das soziale Engagement und die daraus abgeleiteten Tätigkeiten sind zunächst der Bodensatz der Identität. Ihre Ausrichtung und ihr Umfang machen die Vielfalt der Zentren aus, und genau hier ist anzusetzen, wenn es um Definitionen von Standards geht:

Über die Funktionsnotwendigkeiten im Alltag der Akteure werden ständig Entscheidungen für die Institution getroffen, die auch als sozialpolitisch bezeichnet werden können und  denen eine Handlungsethik zugrunde liegt. Inwiefern eine programmatische Grundorientierung  oder auch eine langfristige Zielorientierung allem Handeln vorausgegangen ist, müsste herausgefiltert werden, wenn Interessenstandpunkte für gemeinsame Problem-Lösungen auf einen Nenner gebracht werden sollen. Insofern sind das Abstecken eines soziokulturellen Terrains, die Artikulation gemeinsamer Ziele für alle politischen Entscheidungsträger ein stärkeres Gegenüber. So lassen sich  eher langfristige Systeminteressen abbilden und nicht nur Sicherstellung  und Besitzstandwahrung einzelner Akteure.

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