Die Kultur der Nachhaltigkeit

 

Impulsvortrag von Davide Brocchi, Sozialwissenschaftler aus Köln - gehalten am 22. September 2018 auf der StadtDebatte (urban-vernetzt-vital)

 

Kultur der Nachhaltigkeit… Was bedeutet das?

Ich beginne mit dem letzten Wort. Nachhaltigkeit ist deutlich mehr als Bio im Supermarkt. Zwei komplementäre Definitionen sind hervorzuheben:

 

Bei der positiven Definition steht Nachhaltigkeit FÜR etwas, nämlich ein gutes Leben für möglichst viele Menschen. Mit unserer Geburt sind wir auf diesen Planeten gelandet. Wie wollen wir auf unser Leben zurückschauen, wenn wir ihn wieder verlassen? Denken wir dabei auch an die nächsten Generationen, an unsere Kinder? Wie wollen wir zusammenleben? Für welche Gesellschaft wollen wir arbeiten und für welche nicht? In was für einer Stadt wollen wir leben? Hier ist Nachhaltigkeit eine Chance, die Chance auf ein besseres Leben für alle.

 

Natürlich können wir nicht gut leben, wenn sich eine Finanzkrise ereignet oder sich der Klimawandel weiterverschärft. Deshalb gibt es auch eine negative Definition von Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit stemmt sich hier GEGEN etwas, nämlich Krisenszenarien, die unsere Existenz und unser friedliches Zusammenleben bedrohen – zum Beispiel Kriege. Nachhaltigkeit ist hier ein Synonym für Resilienz und Widerstandsfähigkeit. Es geht um Fragen wie:

  • Möchte Itzehoe zum Klimawandel oder zum Klimaschutz beitragen?
  • Wie können sich unsere Städte vor der nächsten großen Finanzkrise wappnen, um die Chance zu erhöhen, sie gut zu überstehen?

 

Vor diesem Hintergrund ist Nachhaltigkeit eine Notwendigkeit.

Die Frage ist heute nicht mehr, ob wir einen radikalen Wandel in unserer Gesellschaft wollen oder nicht, denn dieser Wandel wird so oder so stattfinden. Wahrscheinlich sind wir bereits mittendrin. Die einzige Frage ist, ob dieser Wandel by Design or by Desaster stattfinden soll: Wollen wir den Wandel selbst gestalten oder es als Krise und Not auf uns zukommen lassen?

 

Natürlich plädiere ich für die erste Option. Ich plädiere dafür, dass wir die Entwicklung unserer Gesellschaft selbst in die Hand nehmen. Wir müssen nicht die ganze Welt direkt ändern, wir können auch mit unserer eigenen Straße, mit unserer eigener Stadt damit beginnen!

 

Es gibt ein erster wichtiger Punkt, der diese zwei Definitionen von Nachhaltigkeit verbindet… Und das ist die Demokratie

Ein gutes Leben ist vor allem ein selbstbestimmtes Leben. Wer ständig fremdbestimmt wird, kann nicht glücklich sein.

Dürfen wir wirklich mitbestimmten, wie wir leben wollen? Wie sich unsere Gesellschaft entwickelt?

Ohne Genehmigung darf man als Bürger in Deutschland nicht einmal die eigene Straße verschönern.

Viele Probleme der Nachhaltigkeit sind Probleme der Demokratie.

 

In den letzten Jahrzehnten haben wir geglaubt, dass wir mehr Wohlstand und mehr Nachhaltigkeit in unserer Gesellschaft erreichen, wenn oben Entscheidungen getroffen werden und sie unten durchgesetzt werden. Der Klimaschutz sollte wie die neoliberale Globalisierung durchsetzt werden: Durch internationale Konferenzen der Regierungen, von oben nach unten, vom Globalen zum Lokalen. Doch seit der Finanzkrise vor 10 Jahren und dem Scheitern der Klimaverhandlungen 2009 in Kopenhagen glaube ich jedoch, dass diese Form von Regierung eher ein Teil des Problems als der Lösung ist. Nicht einmal in den Städten funktioniert eine einseitige Steuerung der Gesellschaft von oben nach unten, wie die Skandale um Stuttgart 21 oder den Flughafen Berlin-Brandenburg gezeigt haben.

 

Für den Wandel in Richtung Nachhaltigkeit brauchen wir deshalb andere Wege:

  • Von unten nach oben, vom Lokalen zum Globalen. Wir fühlen uns ohnmächtig, wenn wir an globalen Problemen denken. Anders ist es, wenn wir mit der Transformation vor unserer Haustür beginnen. Wir können in unserer Straße, in unserem Quartier mit der Transformation beginnen – gemeinsam mit den Nachbar/innen.
  • Wir warten nicht auf Entscheidungen und Schritte der Institutionen, sondern ermächtigen uns selbst dazu. Im Lokalen ist jeder Bürger DER Experte. Jeder Bürger weißt am besten, was in seinem Alltagsraum zum Gemeinwohl dient und was nicht. Im Lokalen kann jeder Bürger Subjekt statt Objekt der Politik sein.
  • Gutes Leben ist nicht die Freiheit zu konsumieren, sondern die Freiheit mitzugestalten. Es geht darum, die eigene Stadt gemeinsam zu gestalten statt individuell zu konsumieren.
  • Nachhaltigkeit führt bei diesem Ansatz nicht zu einer zusätzlichen Fremdbestimmung, sondern wird mit der Möglichkeit der Emanzipation und der Selbstentfaltung verbunden.

Bei der Nachhaltigkeit ist der Weg das eigentliche Ziel – und wie dieser Weg aussehen kann, werde ich nun anhand eines konkreten Projektes in Köln zeigen.

 

Wie würden unsere Städte aussehen, wenn sie von den Bürgerinnen und Bürgern selbst gestaltet und regiert werden würden? Wenn wir diese Möglichkeit nicht an 365 Tagen pro Jahr in einer ganzen Stadt haben, dann könnten wir mit einem Tag in einem einzigen Quartier beginnen. Das ist die Kernidee vom Tag des guten Lebens.

Für diese Idee habe ich 2011 einen Preis in Köln bekommen, der mich motiviert hat, weiterzumachen. Tatsächlich findet dieser Tag dort seit 2013 einmal pro Jahr statt – und zwar in abwechselnden Quartieren. Dieser Tag ist kein Event, sondern der Katalysator in einem komplexen Transformationsprozess.

 

Weil dieses Projekt so erfolgreich gewesen ist, hat er 2017 den ersten Deutschen Nachbarschaftspreis der Stiftung nebenan.de erhalten. Es gibt sogar erste interessierte Nachahmer: Dresden, Kiel, Berlin…

Jeder Tag des guten Lebens dient auch als Höhepunkt einer stadtübergreifenden Kampagne zu einem Themenschwerpunkt, der mit einem wichtigen Anliegen der Bürger/innen übereinstimmt. Im ersten Jahr in Köln war es nachhaltige Mobilität, in Berlin 2020 soll es die solidarische Wohnpolitik sein.

 

Was passiert aber am Tag des guten Lebens konkret?

An diesem Tag sind die Straßen und die Plätze in einem ganzen Quartier autofrei. Dieser Schritt ist notwendig, um den öffentlichen Raum in einen kreativen Freiraum umzuwandeln, der von der jeweiligen Nachbarschaft regiert und gestaltet werden darf, im Sinne des guten Lebens. Was das gute Leben ist, entscheidet jede Nachbarschaft für sich; darüber diskutiert jede Nachbarschaft schon Monate im Voraus.

 

Beim ersten Tag des guten Lebens im September 2013 in Köln-Ehrenfeld waren 24 Straßen autofrei, 22.000 Anwohner/innen erlebten diesen Tag vor der eigenen Haustür. Sie wurden – so wurde Beuys sagen – zu Künstler/innen im Rahmen einer sozialen Plastik.

 

Am Tag des guten Lebens dürfen die Bürger/innen auf der eigenen Straße alles tun. Ihre kreative Freiheit unterliegt nur vier Bedingungen:

  1. Das Auto bleibt stehen bzw. wird umgeparkt, um den nötigen Freiraum und Gemeinschaftsraum zu schaffen.

      2. Es darf nichts verkauft und nichts gekauft werden, sondern nur geschenkt und geteilt. Sozialkapital und nicht nur ökonomisches Kapital   macht Quartiere resilienter und nachhaltiger

      3. Das Programm (=das gute Leben) auf jeder Straße wird gemeinsam in der Nachbarschaft abgestimmt.

      4. Jede Nachbarschaft verwaltet den eigenen Raum selbst. Doch Selbstverwaltung bedeutet nicht nur Rechte, sondern auch Pflichte (z.B. die Nachbarschaft übernimmt die Straßenabsperrung und die Reinigung der Straße). Der Tag wird realisiert, weil viele Menschen kleine und große Aufgaben miteinanderteilen. Wenn sich Menschen zusammenschließen, kann man Berge bewegen.

 

 

In einem ganzen Quartier wird an diesem Tag eine besondere Form der Ökonomie gelebt, die ganz ohne Geld auskommt. Der französische Philosoph Marcel Mauss nannte sie „Schenkökonomie“. Jeder von uns ist ein Experte der Schenkökonomie, denn wir praktizieren sie jeden Tag, in der Familie oder mit Freunden. Dort tauschen wir Gegenstände oder Solidarität miteinander, ohne dass dafür Geld bezahlt werden muss. Auto oder Kühlschrank werden in der Familie einfach geteilt. Warum funktioniert dies in der Familie und draußen nicht? Es hängt am Vertrauen. Am Tag des guten Lebens wird der Vertrauenskreis auf die Nachbarschaft erweitert. Für das Gelingen dieser Operation, müssen wir uns fragen, wo und wie Vertrauen in der Familie gepflegt wird. Zwei Zutaten sind dafür besonders wichtig:

  1. Selbstverwaltete, selbsteingerichtete Gemeinschaftsräume (das Esszimmer und das Wohnzimmer). Wenn in jeder Straße ein selbstverwaltetes nachbarschaftliches „Wohnzimmer“ geben würde, würde allein dies eine ganz andere Dynamik in den Städten und Quartieren entfalten. Weil die Stadtplanung solche Räume nicht vorsieht und der urbane Raum immer stärker privatisiert, kommerzialisiert oder durch Autos besetzt wird, müssen wir uns solche Räume zurückerobern und selbst schaffen. Das passiert zum Beispiel bei urban gardening Projekten.
  2. Rituale. Der Tag des guten Lebens ist ein solches Ritual, es kann aber ganz andere geben: Restaurant Day, Theater im Wohnzimmer...

 

Diese Dimension (Vertrauen und Misstrauen unter den Menschen) spielt nicht nur in der lokalen Transformation eine zentrale Rolle, sondern in der ganzen Gesellschaft. Denn sowohl die Finanzkrise als auch die Krise der Demokratie sind heute Ausdruck einer tiefen Vertrauenskrise. Wenn wir die Demokratie und die Ökonomie auf einer nachhaltigeren Basis neugründen wollen, dann sollten wir damit dort starten, wo Vertrauen wieder entstehen und gefördert werden kann. Das ist nicht in den virtuellen Räumen der social communities (Facebook & Co.), sondern im Lokalen, dort wo sich Menschen persönlich begegnen und miteinander interagieren können. Hier kann die Kultur des Misstrauens am besten bekämpft werden.

 

Interessanterweise ist die häufigste spontane Aktion der Anwohner/innen am Tag des guten Lebens die Einrichtung eines nachbarschaftlichen Esszimmers oder Wohnzimmers unter freiem Himmel. Unbewusst übernehmen die Anwohner/innen die Strategie aus der Familie, um Vertrauen in der Nachbarschaft zu pflegen.

Was ist das wichtigste Ergebnis dieses Prozesses?

Eine Anwohnerin hat es so ausgedrückt:

 

Seit dem Tag des guten Lebens brauche ich morgens 15 Minuten länger um meine Brötchen einkaufen zu gehen, weil ich auf dem Weg dahin ständig von Menschen angesprochen werde, die ich vorher nicht kannte.“

 

Die Transformation zur Nachhaltigkeit beginnt mit der Umgestaltung menschlicher Beziehungen. Das Sozialkapital ist für diese Transformation entscheidend, nicht das ökonomische.

 

Dieses Prinzip finden wir auch in der Lehre von Elinor Ostrom (Wirtschaftsnobelpreisträgerin 2009) wieder.

  • Die wichtigste Bedingung für die nachhaltige Bewirtschaftung von Gemeingütern ist nämlich die Kooperation ihrer Nutzer/innen. Straßen und Quartiere können auch zu Gemeingütern gemacht werden, wenn die Anwohner/innen dazu gebracht werden, miteinander zu kooperieren.
  • Gemeingüter werden nachhaltig bewirtschaftet, wenn die Möglichkeit der Selbstverwaltung des Gemeinguts durch die Gemeinschaft zugelassen wird.

Eine dritte wichtige Bedingung ist das menschliche Maß. Menschen sind physisch und kognitiv begrenzt und können sich am besten mit Räumen und Gruppen identifizieren, die eine überschaubare Große haben. Die Menschen identifizieren sich mehr mit der

  • eigenen Stadt als mit dem Staat oder der Europäischen Union – und deshalb sind sie im Lokalen auch bereiter, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen. Große Komplexitäten überfordern uns. Deshalb haben wir in Köln das große Quartier in kleinere Straßennachbarschaften unterteilt; wir haben die Organisation dezentralisiert, große Aufgaben in kleinere Aufgaben aufgeteilt.

 

Die Transformation zur Nachhaltigkeit braucht unkonventionelle Allianzen – und dies heißt zuerst, das „unter sich bleiben“ durchbrechen.

Die Betrachtung der Straße oder der Stadt als „unsere Straße“ oder „unsere Stadt“ bietet einen gemeinsamen Identifikationsmoment jenseits der Unterschiede.

Allein hätte ich den Tag des guten Lebens nie realisieren können. Ich habe damals deshalb eine lokale, bunte Bewegung hinter der Idee gebaut. Dazu gehören alle Organisationen, die das Konzept Tag des guten Lebens unterzeichnet haben. Das Bündnis Agora Köln besteht aus fast 130 Organisationen aus den Bereichen Umwelt, Kultur, Soziales und Ökonomie. Es ist die Agora Köln, die offiziell den Tag des guten Lebens trägt und veranstaltet. Die Buntheit dieses Bündnisses ist sehr wichtig, denn Vielfalt lässt sich am besten durch Vielfalt mobilisieren. Wenn nur Umweltinitiativen die Anwohner/innen einladen würden, dann würden nur umweltinteressierte Menschen zu den Treffen kommen.

 

Die unkonventionelle Allianz ist aber auch mit den lokalen Institutionen, denn die Realisierung des Tags des guten Lebens braucht einen Beschluss der Bezirksvertretungen. Bisher haben in Köln drei davon die Einführung dieses Tages einstimmig zugestimmt. Der Erfolg dieses

Projektes hat gezeigt, welche Räume für die Transformation sich öffnen, wenn die organisierte Zivilgesellschaft und die Kultur, die Nachbarschaften und die lokalen Institutionen zusammenarbeiten, auf Augenhöhe. Für die Transformation brauchen wir mehr public-citizen-partnerships und weniger public-private-partnerships.

 

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Ich komme auf meine Definitionen von Nachhaltigkeit zurück. Ich hatte am Anfang gesagt, dass die Frage der Demokratie die zwei komplementären Definitionen von Nachhaltigkeit miteinander verbindet.

Es gibt einen zweiten wichtigen Verbindungsaspekt, nämlich die Tatsache, dass es kein gutes Leben auf Kosten anderer geben kann.

Ein Leben auf Kosten anderer führt irgendwann immer zu Krisen, das heißt zu sozialen Konflikten und zum Krieg. Ein Leben auf Kosten der Natur ist ein Leben gegen uns selbst, denn die Natur ist ein Teil von uns.

 

Dass Städte lebenswerter werden, darf nicht bedeuten, dass Menschen ausgegrenzt werden, weil sie sich die höheren Mieten nicht mehr leisten können.

 

Wie können wir im Lokalen eine Lebensweise realisieren, die nicht auf Kosten anderer Menschen und der Natur geht? Das ist eine zentrale Herausförderung. Um ihr gerecht zu werden, sollten wir

Transformation als Lernprozess und als Kulturwandel begreifen. Wie verstehe ich Kultur?

Zum Beispiel als Bauplan unserer Gesellschaft und Lebensweise. Städte sind materialisierte Kultur. Kulturen unterscheiden sich voneinander, durch die Art und Weise wie Menschen mental gebildet werden.

 

Weltweit dominiert heute eine Kultur, die Kultur der Modernisierung und der Globalisierung. Sie kennzeichnet sich durch ein besonderes Dogma: Wohlstand = Wirtschaftswachstum. Dem Wirtschaftswachstum wird in unserer Gesellschaft alles unterordnet, auch unsere innere Natur, deshalb erkranken viele Menschen an Depression oder Burnout.

 

Wirtschaftswachstum wird vor allem durch eine Entfesselung des Massenkonsums erreicht – und die Frage ist, woher die Ressourcen kommen, die einen solchen Massenkonsum ermöglichen.

Unser Massenkonsum wird durch eine dramatische Ausbeutung erreicht, von anderen Ländern und von der Natur. Um Ressourcen werden heute Kriege geführt. Die Ursachen des Klimawandels sitzen vor allem im Norden, die hohen Kosten davon trägt jedoch der Süden.

Fazit: Wir leben in einem sozialen System, das die Ressourcen internalisiert und die Unordnung externalisiert; ein System, das die Profite privatisiert und die Kosten sozialisiert.

Vor diesem Hintergrund kann es uns nicht überraschen, dass viele Menschen aus dem Süden fliehen, um zu uns zu kommen. Doch wir errichten sichtbare und unsichtbare Mauern gegen sie, zwischen Europa und Afrika, aber auch innerhalb der Städte. Wir lassen diese Menschen zwei Mal für unseren Wohlstand zahlen.

Die Mauern, die wir errichten, schützen zwar unsere Illusionsblase, versperren jedoch die Sicht vor der breiten Realität. Wir schützen mit den Mauern auch die Ursachen der Probleme, anstatt uns damit auseinanderzusetzen. Krisen entstehen, wo Wahrnehmung und Wirklichkeit auseinanderklaffen, deshalb brauchen wir für die Nachhaltigkeit einen Dialog mit den Flüchtlingen und den Migranten – und keine Mauern. Flüchtlingen sind nämlich Botschafter von Realitäten, mit denen wir uns auseinandersetzen sollten.

Ein Kultur der Nachhaltigkeit behandelt das soziale System nicht als getrennt von seiner Umwelt, sondern als Teil davon.

 

Migranten und Flüchtlingen sind aber auch Botschafter anderer Wissen; von ihnen können wir über das gute Leben viel lernen. Das Buen Vivir ist die Art und Weise wie indigene Völker seit Jahrhunderten in Lateinamerika leben. Sie orientieren sich nicht an Wachstum, sondern an einem Leben im Gleichgewicht mit der Natur und an Solidarität mit der Gemeinschaft.

Eine Kultur, die sich als Hochkultur oder Leitkultur versteht, hemmt solche interkulturellen Lernprozesse. Wenn wir uns als Vorbilder für andere Kulturen sehen, können wir von ihnen nicht lernen.

 

Die heute dominante Kultur ist eine Monokultur, die sich zum Beispiel in einem standardisierten Städtebau materialisiert. Die Städte der Welt sehen immer ähnlicher aus; sie sind austauschbar, dadurch entfalten sie keine emotionale Identifikation bei ihren Bürger/innen.

Viele junge Menschen identifizieren sich mehr mit verstaubten selbstgestalteten Räumen (Clubkultur), als mit einer teuren sterilen modernen Architektur. Nachhaltig ist eine Stadtplanung, die auch Räume der ökologischen und der kulturellen „Wildnis“ zulässt.

 

Demokratie bedeutet nicht für alle das gleiche, Uniformierung. Hingegen geht es um die Frage, wie man in der Vielfalt friedlich zusammenleben kann. Die Vielfalt steckt nicht nur in den jungen Subkulturen, sondern auch in den lokalen Traditionen – die leider nach und nach verschwinden.

 

Der heutige Fortschritt ist nicht nur gegen die äußere Natur, sondern auch gegen unsere innere Natur. Gutes Leben bedeutet auch ein Leben, das der inneren Natur gerecht wird. Zum Beispiel Entschleunigung statt Beschleunigung. Wir müssen unsere Städte so umgestalten, dass sie dem Menschen und nicht den Maschinen gerecht werden.

 

Wir brauchen keine Fernfluge um die Buntheit zu finden: Die Buntheit wohnt nebenan und in uns selbst! Es geht nur darum, sie zum Ausdruck zu verhelfen; verbreitete Sehnsüchte in gestalterische Kreativität umzuwandeln. Wir können unsere Städte gemeinsam so umgestalten, dass wir am liebsten darin unseren Urlaub verbringen.

 

Vielen Dank!

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© Davide Brocchi, 2018

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