Die Essbare Stadt Itzehoe

 

Ernährungssouveränität auf den Grundpfeilern        

städtischer und   bürgerlicher Organisation

 

von Tanja Nielsen

 

Das hier vorliegende Konzept wurde inspiriert durch die mehrfach prämierte „Essbare Stadt Andernach“, in der die Bürger seit 2010 herzlich zum Ernten im vielfältigen Stadtgrün eingeladen werden und durch die Transition Town Stadt Todmorden in England, die das Projekt „Incredible edible“ gründeten.

 

Zusammenfassung

Der sich in den letzten Jahren entwickelnde Trend des urbanen Gärtnerns und die Lust der Menschen, in ihrer eigenen Umgebung aktiv zu werden, ist seit einigen Jahren vor allem in den Großstädten sichtbar. Doch auch viele Gemeinden und bürgerliche Organisationen stellen das vorhandene grüne Potential ihrer Region neu auf, um die Grünbereiche unter ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten umzugestalten. So ergab eine Rückfrage beim Geoökologen Herrn Dr. Lutz Kosack, der die „Essbare Stadt Andernach“ initiierte, dass bereits 400 Dörfer und Gemeinden an die Stadt Andernach herangetreten sind, um sich Informationen für eigene Projekte zu holen.  Vermehrt verspüren Menschen wieder das Bedürfnis, wissen zu wollen, wer ihre Lebensmittel anbaut, unter welchen Bedingungen diese produziert werden und wie weit sie transportiert werden mussten. Das Bewusstsein über die weltweiten ökologischen und sozialen Konsequenzen des eigenen Konsums wächst und alternative Konzepte zur Versorgung einer Region mit hochwertigen, ökologisch angebauten Produkten, erlangen immer mehr Bedeutung. Es ist an der Zeit, auch in unserem schönen Kreis Steinburg den Grundstein für eine verbesserte Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung aus regionalen Quellen zu legen, denn „Essbare Städte“ sind widerstandsfähiger gegen äußere Einflüsse wie Klimawandel, Energiepreiserhöhungen und Finanzkrisen.

Regionale Problemstellung

 

Städte und Kommunen sehen sich in der Herausforderung, das städtische Grün so kostengünstig und rationell pflegbar wie möglich anzulegen. Somit ist es erschwert, großflächig hochwertige Anlagen mit Mehrfachnutzen für Bevölkerung, Flora und Fauna zu gestalten.  Bürger haben häufig gar keinen Garten bzw. stehen im Konflikt, dass Gärten durch erhöhten Wohnraumbedarf verdrängt werden.

 

Regionaler Lösungsansatz Essbare Stadt – Urbane Landwirtschaft

Durch urbane Landwirtschaft werden die Bürger eingeladen – oder sie ermächtigen sich-, sich an der Gestaltung des städtischen Grüns zu beteiligen und ihre Lebensumgebung aktiv und zukunftsorientiert zu gestalten. Bisher ungenutzte Flächen oder unattraktive Ecken werden vielfältig bepflanzt und wieder einer Nutzung zugeführt. Monoton gestaltete Flächen werden unter ökologischen, ökonomischen und ästhetischen Aspekten neu gestaltet.

Zudem sei es das Ziel, die Bürger mit in die Verantwortung zu ziehen. Basierend auf bürgerschaftlichem Engagement lassen sich Vereine, Seniorenheime, Bildungseinrichtungen, etc. in die Betreuung „ihrer“ Flächen einbinden. Ein weiteres Ziel ist es Beetpatenschaften zu übergeben und langfristig auch in der Pflege Kosten zu sparen - bei gleichzeitig ästhetischem Nutzen. Die Stadt erblüht so als wachsendes Gesamtkunstwerk und bietet Menschen harmonische, kommunikationsfördernde Grünflächen, die sie beernten dürfen, mit denen sie sich identifizieren und auf denen sie sich gerne aufhalten. Der ästhetische, ökologische und soziale Wert der Flächen wird gesteigert. Städtisches Grün kann sich förmlich wieder als Lebensmittelpunkt etablieren, da es den Menschen Lebensmittel liefert. Lebendige, kommunikationsfördernde Flächen können zudem positive Auswirkungen auf Beteiligung/Integration von Menschen in prekären sozialen Lebenslagen mit sich bringen, z.B. Teilhabe von Geflüchteten, Arbeitslosen, Alleinstehenden, etc. Die Einbettung urbaner Landwirtschaft in die Gestaltung einer Stadt kann als Top-Down-Projekt von der Verwaltung initiiert werden (wie in Andernach), oder – wie meistens der Fall - als Bottom-Up-Projekt aus der Bevölkerung heraus organisiert werden. Erstrebenswert ist immer die Kooperation zwischen allen lokalen Akteuren und der Verwaltung, damit der größtmögliche Nutzen für alle erreicht wird.

 

Projektbeschreibung ITZ EDIBLE

 

Itzehoe bietet zwar bisher keine große innerstädtische Grünfläche, die sich im Stadteigentum befindet und die sich für das urbane Gärtnern eignet, aber wir verfügen über sehr viele Kleinflächen, die man mit überschaubar finanziellem Aufwand umgestalten kann. Bei einer Umgestaltung soll immer eine größtmögliche Multifunktionalität berücksichtigt werden. Ökologische, ökonomische, soziale und ästhetische Aspekte stehen im Vordergrund.

So entsteht ein Mosaik aus hochwertigen Flächen, das den Charakter der „Grünen Stadt Itzehoe“ besonders hervorhebt.

 

Folgende Gestaltungsideen und Maßnahmen schlagen wir vor:

Allgemein 

  • Aufstellung von Hochbeeten mit Patenschaften
  • Kleine Rasenflächen, die bisher durch regelmäßiges Mähen pflegeintensiv waren, werden zu Wildblumenwiesen, die nur 2 mal im Jahr gemäht werden müssen und Insekten Nahrung sowie folglich den Vögeln Insekten bieten
  • Gestaltung von weniger attraktiven Flächen
  • Statt Baulücken in der Innenstadt ein mobiler Hochbeetgarten auf Paletten, der flexibel an unschöne Orte umziehen kann, um diese temporär aufzuwerten
  • Anpflanzung von Streuobstwiesen und ertragreichen Stadtbäumen für langfristige Versorgung mit Obst: Vielfalt heimischer Gehölze nutzen und alte Obstsorten pflanzen
  • Anpflanzung von Nussgehölzen, die als Lieferant ungesättigter Fettsäuren und in den nächsten Generationen als wertvoller Holzlieferant dienen können
  • pflege- und kostenintensive Wechselstaudenbeete werden zu mehrjährigen Staudenbeeten
  • Beimpfung der Stadtbäume mit Mykorrhiza-Pilzen, um Widerstandskraft zu erhöhen
  • Verzicht auf den Einsatz von Torfen, Herbiziden und mineralischem Dünger und Deckung des Bedarfs durch die Verwertung von heimischem Kompost aus regionalem Kreislauf
  • Optimierung der stadtinternen Wertstoff- und Recyclingkreisläufe im Hinblick auf bestmögliche Nutzung aller Ressourcen
  • Anlage von Schulgarten/Integrationsgarten/Mehrgenerationengarten
  • Darstellung der genetischen Vielfalt eines ausgewählten Gemüses, jährlich wechselnd in Zusammenarbeit mit dem VEN (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt)

Konkrete Orte und Gestaltungsideen

 

  • Gestaltung der Störpromenade an den Malzmüllerwiesen: Einer der schönsten Orte Itzehoes, der schnell von der Innenstadt aus erreichbar ist, bietet viel Gestaltungsmöglichkeit, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen (z.B. Hochbeete mit Sitzmöglichkeit, Wildstaudenanpflanzungen um die Malzmüllerwiesen, etc.) Generell sollte Itzehoe das Potential einer Stadt am Fluss viel stärker fokussieren und nutzen!
  • Links neben Kanuverein: Anlage von Sitzplatz für den schönsten Blick auf die Stör !!!  Zeltplatz für Kanuten, mit Tipi, Lagerfeuerplatz und Störschaukel; Berücksichtigung eines Parkplatzes für den Verein (8 Fahrzeuge)
  • Als kostengünstigere Alternative zur Störschleife ist ein im Störverlauf angelegtes Staudenbeet denkbar, das mit blauen Stauden/Sträuchern/Kletterpflanzen bepflanzt symbolisch an den ehemaligen Verlauf erinnert, gleichzeitig durch die Farbwahl der Pflanzen die Illusion von Wasser vermittelt und mit kleinen Sitzmöglichkeiten zum Verweilen einlädt; Durch die Zusammenarbeit mit Itzehoer Künstlern können geschweißte Objekte installiert werden
  • ZOB-Garten links neben dem Gericht, als kleiner grüner Bildungsraum, der die Menschen einlädt, Natur zu entdecken und im schönen Ambiente auf den Bus zu warten
  • Neben dem derzeitigen Störverlauf kann hinter der Wäscherei ein Naschgarten mit Beerensträuchern angepflanzt werden
  • Prinzesshofpark: Hinter den Bänken kann ein Hochbeet mit Kräutern den Parkbesucher verführen, seinen Döner mit frischem Majoran oder Thymian zu verfeinern
  • Mehrgenerationengarten Seniorenheim, z.B. Langer Peter Claire-Schmidt-Senioren Centrum Richtung Grünanlage Forellenbach
  • Alsen als künstlerisch wertvoller Ort, ergänzt von Wildblumenwiesen und Präriebeeten
  • 10 Hektar Permakulturanlage zur regionalen Versorgung: Die nun freigewordene Fläche der ehemaligen Schrebergartenanlage Eichtal Kratt eignet sich hervorragend, um eine große Permakultur anzulegen. “Permakultur ist ein Gestaltungskonzept um nachhaltige Landschaften und Gärten nach dem Vorbild natürlicher Muster und Kreisläufe zu schaffen.”   Dieser produktive Naturerlebnisraum kann jederzeit von den Bürgern betreten und genutzt werden. Langzeitarbeitslose können sinnvoll in ein Projekt integriert werden, das die Menschen in der Stadt mit regionalen, biologisch angebauten Nahrungsmitteln und die Stadtgärten mit Jungpflanzen versorgt. Dort angebaute Lebensmittel können stadtintern in einem kleinen Laden zu vertretbaren Preisen einer breiten Käuferschicht angeboten werden. Auch Menschen, die es sich normalerweise nicht leisten können im Bioladen zu kaufen, haben somit eine greifbare Möglichkeit, sich gesund zu ernähren 

Ziele und Möglichkeiten von ITZ EDIBLE

 

Das umfangreiche Potential dieses Projektes kann man grob in die Bereiche „sozial, ökologisch und ökonomisch“ aufteilen, wobei viele Punkte einander bedingen und ineinander übergehen.

 

Sozial

  • Vernetzung von Menschen  aller Altersklassen, Herkunftsländer und finanziellen Schichten in den Gärten: Förderung der Gemeinschaftsbildung und Integration
  • Gemeinschaftsprojekt durch die Zusammenarbeit der Stadt mit verschiedenen Organisationen und Institutionen vor Ort: Synergieeffekte werden genutzt
  • Gestaltung von Orten, die zum Verweilen, Lernen, Vernetzen und Ernten einladen und die Menschen über das Medium Natur wieder miteinander in Kommunikation treten lassen
  • Menschen haben durch die Mitgestaltungsmöglichkeit in den Gärten einen Bezug zu „ihrem“ Stadtgrün: bessere Identifikation mit dem Lebensmittelpunkt Stadt
  • Die Stadt als Institution mit ökologischer Vorbildfunktion
  • Verbesserung der Lebensqualität durch Bereitstellung von hochwertigen multifunktionalen Anlagen
  • Verschönerung der Stadt
  • Generationenübergreifende Erhaltung des Wissens über Kulturtechniken
  • Vermittlung von essentiellem Wissen über den Anbau von Nahrungsmitteln befähigt Menschen, schafft Bewusstsein und verringert ihre Abhängigkeit von globalen Warenströmen

 

Ökologisch

  • Distanz zwischen Anbau und Verbrauch von Lebensmitteln verringern: weniger CO2-Emissionen, Verkehr (Global: Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels/Lokal: Verbesserung des Stadtklimas und Verringerung der Feinstaubbelastung)
  • Pflanzengenetische Ressourcen: Erhalt alter längst vom Markt verdrängter Kultursorten, Erhalt biologischer Vielfalt im Nutzpflanzenbereich, Sensibilisierung des Menschen für die Vielfalt, die ihm die Natur bietet;   Möglichkeit, Samen aus den Stadtgärten im eigenen Garten zu kultivieren und zu vermehren
  • Anbau von ökologisch wertvollen, mehrjährigen Gewächsen
  • Vermittlung von Wissen über den Anbau von Gemüse und die ökologischen Zusammenhänge der Nahrungsmittelproduktion
  • Förderung des Bewusstseins für hochwertige Lebensmittel, Wertschätzung für Lebensmittel erhöhen
  • Unterstützung von Flora und Fauna: Die Stadt als Lebensraum von Tieren und Pflanzen, die auf Grund von Industrialisierungstendenzen auf dem Land keine Heimat mehr finden
  • Unterstützung der um 80% dezimierten Insektenwelt (5) mit nektar- und pollen spendenden Pflanzen
  • Lokaler Anbau spart Verpackungsmaterial ein: Weniger Plastik

Ökonomisch

  • Je nach Ausgangslage der Fläche ergeben sich finanzielle Einsparmöglichkeiten durch die Anlage pflegeextensiver Beete
  • Eine attraktivere Innenstadt mit regional durchdachten Versorgungsstrukturen erhöht die Standortvorteile Itzehoes gegenüber anderen Städten
  • Optisch ansprechend, nützlich und innovativ gestaltete Bereiche ziehen mehr Besucher an, laden Menschen zum Verweilen ein und sorgen durch die entspannte Atmosphäre für erhöhte Konsumfreudigkeit
  • Kürzere Transportwege ermöglichen günstigere Lebensmittelpreise
  • Mittelfristig gesehen legt Itzehoe den Grundstein für eine hochwertige, regionale und saisonale Versorgung seiner Bürger mit biologisch angebauten Lebensmitteln und verringert die Abhängigkeit von Lebensmittelpreisschwankungen

Schluss

Die Urbane Landwirtschaft bietet mit ihrer Vielzahl an Kleinkonzepten eine effiziente Möglichkeit, globalen Problemen lokal entgegenzutreten. Menschen aller Bereiche schließen sich zusammen, um Systeme zu entwickeln, die auf regionaler Ebene unser aller Grundbedürfnis decken: Gesunde, vielfältige, frische und unbelastete Lebensmittel, die nicht um die halbe Welt gereist sind, um auf unserem Teller zu landen.

 

Itzehoe als „Grüne Stadt“ des Nordens an der malerischen Stör hat so viel Potential, um sich zukunftsfähig und vielfältig zu entwickeln und weiter zu erblühen.

Lassen Sie uns gemeinsam Ideen sammeln, um unsere Stadt nachhaltiger, bunter und essbarer zu gestalten. Es ist an der Zeit, dass sich Itzehoe neu definiert und neu erfindet. Lassen Sie uns Itzehoe ein neues Markenzeichen geben, das auch den kommenden Generationen zu Gute kommt. Ein Markenzeichen, das auch unsere Generation sehen, schmecken und riechen kann: Die Essbare Stadt Itzehoe.

Das Beispiel Andernach zeigt, dass „nicht alleine der Kostenrahmen oder der politische Raum ausschlaggebend ist, sondern vielmehr die Kreativität und der Mut der lokalen Akteure, neue Wege zu gehen.“

Druckversion Druckversion | Sitemap
© K9 Koordination für regionale Kultur e.V.